Wölfe gehören nicht ins Jagdrecht

Wölfe gehören nicht ins Jagdrecht

Im Moment gibt es eine unheilvolle Entwicklung für den Wolfsbestand in Deutschland, die eine lange Erfolgsgeschichte des Natur- und Artenschutzes jäh beenden könnte. Eine Gesetzesinitiative des Bundeskabinetts hat einen Gesetzentwurf zur Änderung des Jagdrechts und des Naturschutzrechts in den Bundestag eingebracht und damit die Jagd auf den Wolf eröffnet.

Die Rückkehr der Wölfe, unglaublich, aber wahr…

Seit 25 Jahren gibt es wieder Wölfe in Deutschland. Im Jahr 2000 wurden in der Muskauer Heide in der Lausitz wieder Wolfswelpen geboren, nach einer Pause von ca. 150 Jahren. Für mich war die Rückkehr der Wölfe genau so überraschend und unglaublich wie der Fall der Mauer und die Wiedervereinigung Deutschlands, eigentlich nicht vorstellbar. Ich bin an dieser deutsch-deutschen Grenze aufgewachsen und für mich war es gesetzt, dass diese Grenze nicht einfach verschwinden wird.

Ähnlich verhielt es sich mit den Wölfen, die während meiner Kindheit und Jugendzeit auch sehr selten diese Grenze überwanden und bei uns in der Region für Aufregung sorgten, bis sie nach relativ kurzer Zeit geschossen wurden. Eine Rückkehr nach Deutschland und eine Wiederbesiedlung des angestammten Lebensraums schien undenkbar, denn für mich war der Wolf ein Symbol der Wildnis und der Freiheit und Wildnis gab es bei uns ja nun schon lange keine mehr. Die Wölfe haben mich eines Besseren belehrt, denn sie brauchen keine Wildnis und keine unberührte Natur. Drei Dinge brauchte der Wolf für eine erfolgreiche Rückkehr, ausreichend wild lebende Beutetiere, exklusive Plätze, das heißt von Menschen nicht stark frequentierte kleine Gebiete, um dort die Welpen aufzuziehen und als besonders wichtige Voraussetzung, einen strengen Schutzstatus. Alle drei Bedingungen wurden den Tieren auch in unserer Kulturlandschaft geboten.

Wölfe in der Göhrde - Wölfe gehören nicht ins Jagdrecht

Wolfsrüde und Jährling in der Göhrde

So wie ich den Fall der Grenze nur begreifen konnte, indem ich im November 1989 an die Grenze fuhr und am Grenzübergang, umnebelt von den blauen Schwaden der Trabischlange, Sekt aus den Vorräten unseres Tagungshauses, an die einreisenden Bürger der DDR ausschenkte, so musste ich in die Lausitz fahren und mich überzeugen, dass die Rückkehr der Wölfe wirklich passierte. Im Jahr 2003 war es so weit und ich fuhr zu einem Wolfswochenende in die Lausitz. Nachdem ich an diesem Wochenende Vorträgen mit den Bildern, Videos und Berichten aus den ersten beiden Wolfsrudeln auf deutschem Boden gelauscht hatte, auf einer Exkursion ins Wolfsgebiet die ersten realen Spuren von wild lebenden Wölfen gesehen und an meiner ersten Wolfkacke geschnuppert hatte, war mir klar, dass es wirklich passierte, die Wölfe waren wirklich zurückgekommen, um ihren alten Lebensraum, aus dem der Mensch sie vertrieben hatte, wieder zu besiedeln.

Immerwährende Konflikte oder Koexistenz

Schon an diesem Wolfswochenende in der Lausitz wurde mir bewusst, dass die Rückkehr der Wölfe nach Deutschland nicht problemlos von Statten gehen würde. Im Gedächtnis geblieben ist mir aus dieser Zeit ein an eine Scheunenwand gesprühter Text: „Erst geht der Mensch, dann kommt der Wolf!“  In diesem Spruch zeigt sich mir, dass es bei dem Konflikt um den Wolf um viel mehr geht als um Herdenschutz und die Befindlichkeiten der Jäger, dass nämlich ein tiefer liegendes Unbehagen der Menschen mit ihrer Lebenssituation, vor allem auf dem Land, eine Rolle spielt und natürlich große Unwissenheit über das, was da kommt. Es zeichnete sich auch schon damals ab, dass Interessengruppen gegen die Akzeptanz einer Rückkehr und gegen die Koexistenz zwischen Tierhaltung und Wolf arbeiten würden, bis hin zur Wiederausrottung der Wölfe. Die anstehenden gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um die Rückkehr der Wölfe waren für mich wichtige Beweggründe, um mich seit 23 Jahren mit diesem Thema zu beschäftigen und letztendlich vor 15 Jahren Wofsberater für das Land Niedersachsen zu werden.

Die 150 Jahre der Abwesenheit sind eine lange Zeit, 5 Generationen der Menschen hatten jegliche Erfahrung und das Wissen über das Wildtier Wolf verloren, was blieb und sich erhalten hat, waren Mythen, Märchen und Ängste, die sich um diese Tiere rankten. Da ich selbst 10 Jahre lang Schafe gehalten und gezüchtet hatte, sah ich die aufkommenden Probleme nicht so sehr beim Schutz der Nutztiere, der schien mir einsichtig und, nach einer kurzen Eingewöhnungszeit, praktikabel. Ich befürchtete damals die größten Probleme ganz woanders, nämlich beim Aufeinandertreffen der Wölfe mit ihrem zahmen Vertreter bei den Menschen, den Hunden. Doch es kam ganz anders, der Schutz der Weidetiere hat sich im Laufe der Jahre als größtes Problem bei der Rückkehr der Wölfe herausgestellt. Konflikte um Wölfe und Hunde, bzw. zwischen wilden Wölfen und den Hauswölfen sind sehr überschaubar geblieben. Wölfe und Hunde gehören zu einer Art und scheinen noch miteinander kommunizieren zu können, so dass sich beim Aufeinandertreffen wohl vieles an potenziellen Konflikten durch Kommunikation lösen lässt, äußerst selten kommt es zu Übergriffen von Wölfen auf Hunde.

Schafherde auf dem Deich im WolfsgebietHerdenschutzhunde auf dem ElbdeichHerdenschutzhund bei der Arbeit auf dem Deich an der Elbe.Herdenschutzhund zwischen Schafen

Guter Herdenschutz ist die Voraussetzung für eine Koexistenz

Anders sieht es bei dem Aufeinandertreffen von Wölfen und Weidetieren aus, hier vor allem bei den kleineren Arten, wie Schafen und Ziegen. Besteht kein ausreichender Herdenschutz, kommt es zu Übergriffen und Rissen auf diese dann leicht zu erbeutenden Tiere. Dieses Problem entsteht vor allem in den Gebieten, in denen Wölfe neu ankommen und sich die ersten Wolfsrudel etablieren. Es fehlt dann die Erfahrung und leider auch oft der Wille guten Herdeschutz zu machen. Wie erklärt sich sonst, dass in Niedersachsen auch im vergangenen Jahr (2025), nach über 14-jähriger Anwesenheit der Wölfe, immer noch 80% der getöteten Schafe und Ziegen nicht geschützt waren. Das ist ein Armutszeugnis für die niedersächsischen Tierhalter, vor allem bei den kleinen Haltungen im privaten und Hobbybereich. In unserer Region haben inzwischen die professionellen Tierhalter gelernt ihre Herden gut zu schützen und haben kaum noch Übergriffe. Guter Herdenschutz beginnt im Kopf, man muss es wollen und man muss überzeugt davon sein, dass er funktioniert, dann stellt sich auch die Erfahrung und der Erfolg ein. Herdenschutz ist keine komplizierte Angelegenheit oder gar Geheimwissenschaft, denn es gibt ihn schon seit über 10.000 Jahren und heute noch verbessert durch moderne Möglichkeiten, wie die Anwendung von elektrischem Strom beim Schutz der Weiden.

Der Wolf als Politikum

Eigentlich könnte also die Rückkehr der Wölfe ein Erfolgsmodell im Natur- und Artenschutz sein, wären da nicht die Interessen einiger Land- und Naturnutzer, die sich dem entgegenstellen und die jetzt mit Macht und Unterstützung aus der Politik, die Aufnahme des Wolfs ins deutsche Jagdrecht und eine baldige Bejagung der extrem fragilen Wolfspopulation in Deutschland betreiben wollen. Durch sehr geschickte Verbands- und Lobbyarbeit wurde innerhalb eines Jahres ein Prozess eingeleitet, an dessen Ende die Wiederausrottung der Wölfe drohen könnte. Durch die Absenkung des Schutzstatus der Wölfe in der Berner Konvention, die Herabstufung des Wolfes in der EU-FFH-Richtlinie, von streng geschützt auf geschützt und jetzt der Aufnahme in das deutsche Jagdrecht, mit einer Jagdzeit vom 01.07. – 31.10. eines Jahres, ist es einer Minderheit gelungen eine positive Entwicklung in eine andere Richtung zu lenken.

Illegaler Wolfsabschuss, tote Mutterwölfin. Wölfe töten ist sinnlos und grausam.

Illegal geschossene Mutterwölfin

Das Gesetzgebungsverfahren, um in Deutschland Wölfe jagen zu können, ist aktuell in der Abstimmung im Bundestag und Bundesrat. Seit ihrer Rückkehr nach Deutschland war der Wolf ein politisches Thema und hat zu vielen Diskussionen, Debatten und Auseinandersetzungen geführt.  Bei der Begründung zur Aufnahme ins bundesdeutsche Jagdrecht und der angestrebten Bejagung wird die Unterstützung des Herdenschutzes durch reguläre Bejagung ins Feld geführt. Jagd auf Beutegreifer als Form des Herdenschutzes ist nicht zielführend, ja kann sogar die Anzahl der Übergriffe erhöhen, da in die Sozialstrukturen z. B. bei Wölfen eingegriffen wird, wie in zahlreichen Studien dargelegt wurde. Fast alle Studien kommen zu dem Fazit, dass bei einem Herdenschutz mit der Waffe nur eine Ausrottung der jeweiligen Tierart helfen würde.

Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer belügt in seinem Gesetzentwurf Bundestag, Bun­desrat und den Bundespräsidenten sowie die Öffentlichkeit und die Medien. Der Beschluss des Gesetzes würde die positiven Ergebnisse, die in 25 Jahren im Wolfsmanagement in Deutsch­land erreicht worden sind, gefährden und sie würde ein Rückfall in die maximale sinnlose Gewaltanwendung gegenüber den Individuen einer Tierart bedeuten, die über ein Vierteljahr­hundert bewiesen hat, dass sie gut in unserer Kulturlandschaft leben kann.

Wolfswelpen in der Göhrde

Wolswelpen am Rendezvousplatz

Wenn das Gesetz wie im Entwurf formuliert verabschiedet wird, dann wird ab dem 01. Juli 2026 mit dem Beginn der Jagdzeit (01.07. – 31.10. eines Jahres) auf ca. 8 Wochen alte Wolfswelpen am Rendezvousplatz geschossen werden, denn geplant ist 40% eines Jahrgangs des Wolfsnachwuchses zu töten. Wenn man weiß, dass nur 50% der Welpen das erste Lebensjahr überleben und in diesem 1. Jahr noch 40% geschossen werden, bleibt nicht mehr viel übrig und die Population der Wölfe in Deutschland wird zusammenbrechen, die erneute Ausrottung dieser wichtigen Art nimmt dann ihren Lauf.

Wolfsjagd ist kein Herdenschutz

Um Konflikte in der Tierhaltung zu minimieren und zu einer Koexistenz zwischen Tierhaltung und Wölfen zu gelangen, bleibt also nur der gute flächendeckend ausgeführte Herdenschutz, der von der Gesellschaft auch materiell unterstützt und gefördert werden muss, zumindest bis er zu einer Selbstverständlichkeit in der Tierhaltung wird, so wie in denjenigen Ländern, in denen die Wölfe nicht ausgerottet wurden und wo es diese lange Pause im Herdenschutz nicht gab.

Im Grunde geht es daher um zwei Kernpunkte, die mit Herdenschutz so gar nichts zu tun haben, die Dezimierung einer unbequemen Tierart und die eigentliche Wolfsjagd, die aufregende Jagderlebnisse und beindruckende Trophäen verspricht, nebenbei wird noch ein lästiger Konkurrent um die von Wolf und Jägern begehrte Beute bekämpft. Diese Beweggründe werden nicht offen kommuniziert, sondern sie werden versteckt hinter Abwehr von Gefahren und Schutz der Weidetierhaltung. Auffällige Wölfe, die empfohlene Herdenschutzmaßnahmen wiederholt überwinden oder sich Menschen bedrohlich nähern, können heute schon in dem bestehenden rechtlichen Rahmen getötet werden, dazu braucht es keine anlasslose Bejagung, sie dient ganz anderen Zwecken.

Die Jagd auf Wölfe ist grausam und sinnlos – Herdenschutz statt Wolfsjagd!

Kenny Kenner

Alle Bilder: Copyright Kenny Kenner

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